Prolog

Der Wecker klingelt. 90 Minuten eher als er gemusst hätte. Man will ja auf Nummer sicher gehen. Blick auf die Uhr. Okay, Zeit genug. Duschen. Rasieren. Anziehen. Ausnahmsweise mal ein Hemd und schwarze Schuhe. Eindruck schinden. Frühstück? Geht nicht. Kein Appetit. Blick auf die Uhr. Oh man, viel zu früh. Und da sind sie wieder, diese Gedanken. Diese Gedanken, die mich schon die Nacht nicht haben schlafen lassen. Ach was sage ich. Die mich schon seit Wochen nicht schlafen lassen.

Handy, Schlüssel, Portemonnaie. Raus. Menschen. Haltestelle. Busfahrt. Wow, sogar pünktlich. Blick auf die Uhr. Noch viel Zeit! Immer noch Busfahrt. Gedanken machen. Angekommen. Aussteigen. Extra langsam gehen. In den Hof. Keiner da. Blick auf die Uhr. Verdammt, viel zu früh. Alleine Warten bedeutet viel Zeit zum Nachdenken. Nachdenken bedeutet Abwägen. Pro und Kontra. Kopf gegen Bauch. Ja oder Nein? Was tun? Blick auf die Uhr. Der Minutenzeiger scheint mir nicht nur die Minuten, sondern auch den Mittelfinger zu zeigen.

 

Ablenken! Handy rausholen. WhatsApp. Erster Chat: Joachim. Stimmt, er hatte mir noch was zum Thema Akquise und Finanzierung geschrieben. Mist, ... und schon wieder diese verfluchten Gedanken. Doofes rationales Denken. Blick auf die Uhr. Einhundertundzwanzig Sekunden nachdem letzten Blick. Super. Seufzer.


Ein schwarzes Auto fährt an der Einfahrt vorbei. Atmung wird flacher. Herzfrequenz steigt. Ein kurzer Gedanke, über die Nebenkosten, wird von der sich mir bewusst gewordenen Lächerlichkeit, meines zentralen Nervensystems, ob der Sichtung eines schwarzen Wagens, verdrängt. Inneres Bedürfnis auf die Uhr zu blicken. Yeah, widerstanden. Okay, Ablenken. Zweiter Versuch. Handy. Diesmal Facebook. Freundesliste. Scrollen. Lesen. Wer zum Teufel ist das denn? Löschen. Verdammt, Uhrzeit gesehen.

 

Ich rede mir die Situation schön. Hey, wenigstens pünktlich. Sehr pünktlich. So pünktlich, dass ich befürchte, er ist noch nicht einmal losgefahren. Zur Abwechslung mal Gedanken. Schwarzmalerei. Worst-case-Szenarios. Was tust Du hier? Bist Du dir sicher? Pah, diese Fragen kann ich mir schon seit Wochen nicht beantworten. Warum sollte ich ausgerechnet jetzt eine Antwort darauf finden.

 


Handy weg. Mappe öffnen. Unterlagen durchblicken. Apropos Blicken. ... ach scheiß drauf! Fotos. Beschreibungen. Und plötzlich: Visionen. Kopfkino. Träumereien. Gedanken, aber dieses Mal bekräftigende. Unterstützende. Neuer Mut. Kämpferisch. Was ist mit dem Contra? Was ist mit den Nachteilen? Mit den negativen Stimmen? Das schaffen wir schon. Irgendwie.

 

Schwarzes Auto. Türe fällt ins Schloss. Schritte. Hände schütteln. Fremde stimme: „Wie schön, dass Sie kommen konnten. Dann wollen wir den Mietvertrag mal unterzeichnen. Haben Sie eigentlich schon lange gewartet?“ Blick auf die Uhr. ... Lüge.

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